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  • Judith Schier

"Der Wolf, den ich füttere"


Vielleicht kennst du ja diesen kleinen Dialog zwischen einem alten Indianer und seinem Enkel!? Mich spricht er sehr an und daher wollte ich ihn heute gerne ein wenig beleuchten und meine Gedanken dazu festhalten.

Ich kann mit der Kernaussage dieses kleinen Dialogs absolut mitgehen, denn ich denke ebenfalls, dass es an uns ist, zu entscheiden, auf welche unserer Gefühle und Gedanken wir unsere Aufmerksamkeit ausrichten und welche wir mit Energie versehen. Und ich bin ganz bei dem alten Indianer, wenn ich sage, dass ich es für mich selbst und mein gesamtes Umfeld für wünschenswert erachte, den "positiven" Gefühlen und Gedanken Beachtung zu schenken, sie zu füttern und weiterzuentwickeln. Es kann nicht genug Liebe, Sanftheit und Mitgefühl auf dieser Welt geben und wie schön ist es doch, wenn ich selbst dazu beitragen kann?! Ich denke, das werden die meisten Menschen ebenfalls so sehen.

Mir ist an dieser Stelle jedoch wichtig, auch diese anderen, diese "negativen" Gefühle zu beachten. Dir ist bestimmt aufgefallen, dass ich sowohl bei dem Wort "positiv" als auch "negativ" Gänsefüße verwenden habe. Das liegt daran, dass es für mich keine per se positiven oder negativen Gefühle gibt. Meiner Erfahrung nach weisen uns alle Gefühle und Gedanken auf etwas hin. Geht es uns gut, sind wir mit unserem Leben und unseren Beziehungen zufrieden, ist es ein Leichtes Gefühle wie Liebe, Sanftheit und Mitgefühl zu leben und zu stärken.

Doch was ist, wenn dem nicht so ist? Was, wenn wir unzufrieden sind mit unserem Leben, mit unseren Beziehungen? Was, wenn uns Schlimmes wiederfahren ist, wir verletzt, missachtet, verachtet wurden? Wie soll es uns unter solchen Umständen möglich sein den liebenden, sanften, mitfühlenden Wolf zu füttern? Schwierig, richtig?

Tobt Wut, Frustration, Verzweiflung in uns, haben wir Ängste und fühlen uns hilflos, können diese Gefühle irgendwann in Rachsucht, Aggression und Grausamkeit umschlagen. Wenn wir uns nicht gut um sie kümmern. Denn sie weisen uns darauf hin, dass uns etwas fehlt. Liebe, Wertschätzung, Anerkennung, Schutz, Sicherheit etc.

Und weil wir dieses Defizit nicht spüren, diese "negativen" Gefühle von uns fernhalten wollen, verdrängen wir sie so gut, wie wir können. Das ist absolut verständlich, wer möchte sich schon ständig wütend, frustriert, verzweifelt etc. fühlen!? Wir lenken uns ab, mit der Arbeit, der Familie, Hobbies, Konsumverhalten, vielleicht sogar Süchten. Warum auch nicht?

Weil genau das den Wolf der Rachsucht, der Aggression und der Grausamkeit nährt! Durch das Wegdrücken, das Verdrängen, das "Nicht-Spüren-Wollen" unserer Defizite, unserer "negativen" Gefühle können sie im Untergrund arbeiten. Wachsen und gedeihen sie bestens. Mit jeder neuen Situation, in der es uns im Alltag an Anerkennung, Liebe, Wertschätzung, Schutz, Sicherheit etc. fehlt füttern wir diesen Wolf.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir lernen den Gefühlen der Wut, Frustration, Verzweiflung, Angst, Hilflosigkeit Beachtung zu schenken. Gelingt es uns sie zu beachten, sie wahrzunehmen und hinzufühlen, fangen wir endlich damit an, den Wolf der Liebe, Sanftheit und des Mitgefühls zu füttern.

Wir beginnen, all unsere Gefühle anzunehmen und das ist gut und richtig so. Denn nur, wenn ich spüre und annehme, dass es mir an einem wichtigen Bedürfnis mangelt, kann ich mich darum kümmern, das dieses Bedürfnis erfüllt wird. Und das fängt immer bei uns selbst an.

Mangelt es uns an Liebe, dann ist es heilsam, wenn wir beginnen uns selbst zu lieben.

Mangelt es uns an Wertschätzung, dann ist es heilsam, damit anzufangen uns selbst wertzuschätzen.

Wird uns nicht genug Anerkennung gezollt, dann wird es Zeit, dass wir uns selbst Anerkennung sollen.

Fehlt es uns an Schutz, dann müssen wir beginnen uns selbst zu schützen.

Fehlt es uns an Sicherheit, dann müssen wir selbst für unsere Sicherheit sorgen.

Mir ist bewusst, dass das nicht von heute auf morgen geht, dass es unter Umständen schwierige Entscheidungen und Schritte mit sich bringt. Aber wenn du dir selbst diesen Veränderungen liebevoll, sanft und voller Mitgefühl begegnest bist du auf dem richtigen Weg.

Ich wünsche dir dabei viel Kraft, viel Mut und zu allerletzt auch die Fähigkeit zu vergeben. Dir selbst zu vergeben, dass du es bis jetzt zugelassen hast, verletzt zu werden. Bisher wusstest und konntest du nicht anders. Und das ist okay. Sei nachsichtig und liebevoll mit dir.

Und auch der Person oder den Personen zu vergeben, die dich verletzt haben. Auch sie werden verletzt worden sein, vielleicht nicht von dir. Aber aufgrund ihrer eigenen Geschichte, ihrer eigenen Verletzung waren sie wahrscheinlich nicht oder nur sehr schwer in der Lage, dir zu geben, was du brauchtest. Deshalb sei auch mit ihnen liebevoll und nachsichtig - wenn du kannst. Das bedeutet dann wahrhaftig, den Wolf der Liebe, Sanftheit und des Mitgefühls zu füttern.


Und dass uns das gelingt, wünsche ich uns allen!


Judith Schier

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